Im Weltraum pflanzen wir Bäume, deren Früchte einst andere ernten werden
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) wurde 1907 gegründet und betreibt heute sowohl Grundlagen- als auch angewandte Forschung in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Energie und Verkehr sowie Sicherheit und Verteidigung. Mit seinem Hauptsitz in Köln und zahlreichen weiteren Standorten weltweit ist das DLR international vernetzt und tauscht sich mit führenden Forschungseinrichtungen aus. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Deutsche Raumfahrtagentur, die alle deutschen Raumfahrtaktivitäten koordiniert und die internationalen Interessen Deutschlands auf nationaler und europäischer Ebene vertritt. Anlässlich des Starts der Serie „Erforschung des Weltraums“ haben wir das Vergnügen, mit Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz-Wilhelm Hübers zu sprechen, Direktor des Instituts für Weltraumforschung beim DLR. Im Interview erzählt er über die Faszination des Weltraums und gibt spannende Einblicke in die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen der Raumfahrtforschung:
Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz-Wilhelm Hübers (Foto: DLR)
Was macht für uns Menschen den Weltraum so faszinierend?
Ich denke, es ist vor allem die Unendlichkeit des Weltraums – und die Frage, wo wir als Menschen in dieser Unendlichkeit stehen. Woher wir kommen, wohin wir gehen und wo unser Platz im Universum eigentlich ist. Das ist eine sehr ursprüngliche, grundlegende Frage. Im Laufe der Geschichte hat die Wissenschaft ihre Grenzen immer weiter verschoben: Früher waren es neue Kontinente, die entdeckt wurden. Heute ist es der Weltraum – die „final frontier“, die letzte Grenze für uns Menschen.Die Raumfahrt ist reich an Bildern: Gibt es ein Bild, das Sie besonders bewegt hat?
Tatsächlich sind es drei Bilder. Das eine ist das ikonische Bild der aufgehenden Erde über dem Mond aus dem Jahr 1968. Das zweite zeigt die Schuhabdrücke der Astronauten auf dem Mond. Diese Abdrücke dort oben werden – sofern nicht zufällig ein Meteorit einschlägt – noch existieren, wenn alles Menschengemachte auf der Erde längst vergangen ist. Das dritte Bild stammt aus den 1980er-Jahren: ein Astronaut, freischwebend im All, nur verbunden mit seinem Raketenrucksack. Ein Mensch, scheinbar ganz allein in der Unendlichkeit. Dieses Bild hat mich vielleicht sogar am stärksten geprägt, weil ich es damals bewusst erlebt habe. Die aufgehende Erde kenne ich eher aus dem Rückblick – man ist damit groß geworden. Aber den freischwebenden Astronauten habe ich im richtigen Alter gesehen, um seine Bedeutung unmittelbar zu begreifen.
Apollo-Foto Nr. AS08-14-2383: Das ikonische Bild des „Erdaufgangs“
Buzz Aldrin fotografierte seinen Schuhabdruck auf dem Mond. Foto: NASA
Der Astronaut Bruce McCandless, frei schwebend im All. Foto: NASA
Wenn man von der emotionalen Ebene absieht – was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften der modernen Raumfahrt?
Wissenschaftlich ist es vor allem das, was wir durch Sonden und Teleskope lernen: Wir verstehen unsere Welt besser. Wir wissen heute aber auch, dass es auf dem Mars keine Marsmenschen gab. Solche Erkenntnisse beantworten grundlegende Fragen. Eine weitere große Errungenschaft ist die Erdbeobachtung: Satelliten liefern uns enorme Mengen an Daten über Klima, Umwelt und Wetter. Dass wir heute präzise Wettervorhersagen über mehrere Tage hinweg bekommen, verdanken wir zu einem großen Teil diesen Systemen. Wir verstehen unsere Umwelt aus dem Weltraum heraus global sehr viel besser, als es mit lokalen Messungen je möglich gewesen wäre.Was wäre, wenn es die Raumfahrt nicht gäbe?
Man darf nicht vergessen, dass wir im Weltraum inzwischen eine enorme Infrastruktur haben. Globale Satellitennavigationssysteme wie z.B. das Galileo-System der EU, Telefonie, Fernsehen, Internet – vieles würde ohne Satelliten schlicht nicht funktionieren. Man muss sich die Weltrauminfrastruktur wie ein Netz aus Straßen und Brücken vorstellen. Raumfahrt ist längst Teil unserer alltäglichen Infrastruktur und geht weit über reine Umweltforschung hinaus.Welche Entdeckung könnte unser Weltbild am stärksten verändern?
Ich denke: Spuren von vergangenem oder gegenwärtigem Leben außerhalb der Erde. Selbst der Nachweis früheren Lebens wäre gewaltig. Unser Alltag würde sich dadurch vermutlich nicht unmittelbar ändern, aber unser Selbstverständnis als Menschheit sehr wohl – vergleichbar mit der kopernikanischen Wende. Die Menschen im 16. Jahrhundert lebten im Alltag weiter wie zuvor, aber ihr Bewusstsein von der Welt veränderte sich grundlegend.Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Raumfahrt?
Eine zunehmende. Zum Beispiel bei Sensoren, um Entscheidungen schneller treffen zu können. Wenn ein Rover – ein unbemanntes Roboterfahrzeug – zur Erkundung auf dem Mars unterwegs ist, dauert die Kommunikation mit der Erde Minuten oder länger. In dieser Zeit kann man nicht eingreifen. Eine KI an Bord könnte reagieren, Gefahren erkennen und Prozesse beschleunigen. Allerdings ist das schwierig, weil KI aus vorhandenen Daten lernen muss – und genau diese Daten fehlen oft, wenn man Orte erforscht, an denen noch nie jemand war. Die Herausforderung ist daher größer als bei Alltagsanwendungen.Gibt es Dinge, die die Menschheit im All besser unterlassen sollte?
Vor allem: andere Planeten verunreinigen. Wenn wir versehentlich irdische Mikroben auf Himmelskörper wie den Mars bringen, kann das große Probleme verursachen – wissenschaftlich wie ethisch. Solche Eingriffe sind nicht reversibel und kaum kontrollierbar. Zudem sehen wir bereits heute, wie Weltraumschrott in erdnahen Umlaufbahnen zum Problem wird. Grundsätzlich gilt: Was wir auf der Erde nicht tun sollten – etwa Krieg führen oder die Umwelt verschmutzen – sollten wir im All auch nicht tun.Gibt es eine Mission, auf deren Ergebnisse Sie besonders gespannt sind?
Jede wissenschaftliche Mission hat ihre eigene Faszination. JUICE ist sicherlich besonders spannend, weil sie die Eismonde des Jupiter untersucht, die möglicherweise Bedingungen für äusserst einfaches Leben bieten könnten. Aber grundsätzlich möchte ich keine Mission herausheben – jede hat ihre eigenen wissenschaftlichen Fragen und Herausforderungen.Würden Sie selbst ins All fliegen?
Ehrlich gesagt nein. Es war nie mein Kindheitstraum, Astronaut zu werden. Ich bin Wissenschaftler, mich interessieren Erkenntnisse und Daten. Dafür muss ich mich aber nicht zwingend selbst auf den Weg machen (lacht).Welchen Rat hätten Sie für junge Menschen mit diesem Traum?
Sich bewerben! So banal das klingt – das ist der erste Schritt. Viele haben eine innere Handbremse und denken, sie schaffen es ohnehin nicht. Wer sich nicht bewirbt, wird es garantiert nicht. Entschlossenheit und Mut sind entscheidend. Ein Studium in einem naturwissenschaftlichen, technischen oder medizinischen Bereich ist hilfreich – Physik, Biologie, Ingenieurwissenschaften, Geologie, Medizin. Man muss nicht zwingend Raumfahrt studieren, aber ein sehr gutes technisches Verständnis ist wichtig.Welche persönlichen Fähigkeiten braucht man auf einer Weltraummission?
Teamfähigkeit ist essenziell. Man ist über lange Zeit auf engem Raum mit anderen Menschen zusammen. Konflikte müssen lösbar sein. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, auf Komfort zu verzichten und extreme Situationen auszuhalten – vom Essen bis zu alltäglichen Annehmlichkeiten. Das ist eine große psychische und physische Herausforderung.
Forschen für die Zukunft – beim DLR wird laufend Nachwuchs gesucht. (Foto: DLR)
Und welche Fähigkeiten sollten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im „Innendienst“ mitbringen, wenn Sie sich für Weltraumforschung interessieren?
Fachkompetenz ist selbstverständlich die Grundlage. Darüber hinaus braucht es Engagement, Aktivität, Begeisterung – und vor allem einen langen Atem. Raumfahrtprojekte dauern sehr lange. Eine Mission kann sich über Jahrzehnte erstrecken. Die Jupiter-Mission JUICE ist ein gutes Beispiel: Erste Vorschläge gab es vor rund 20 Jahren, ankommen wird sie 2031. Die Menschen, die damals begonnen haben, arbeiten im Grunde für eine spätere Generation. Man pflanzt einen Baum, dessen Früchte man vielleicht nie selbst erntet. Außerdem braucht es Mut zum kalkulierten Risiko. Wir tun Dinge, die noch niemand zuvor getan hat. Das kann scheitern. Man muss bereit sein, dieses Risiko einzugehen – nicht leichtfertig, sondern bewusst. Im Weltraum gibt es keine Rückholaktionen wie bei Autos. Es muss funktionieren.
Am 10. September 2026 erscheint die erste Münze der neuen 5-Euro-Serie „Erforschung des Weltraums“, die sich mit der Rakete Ariane 6 beschäftigt – ein bedeutender Meilenstein in der europäischen Raumfahrt. Diese Münze ist nicht nur ein Sammlerstück, sondern auch ein Symbol für die kontinuierlichen Fortschritte in der Raumfahrtforschung. Wir hoffen, dass unser Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz-Wilhelm Hübers Ihnen einen faszinierenden Einblick in diese Entwicklungen gegeben hat.
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